Ludwig Harig

E-Mail
geboren 1927 in Sulzbach

Genre:

Roman, Essay, Erzählung, Lyrik, Hörspiel

Zur Person:

Am 18. Juli 1927 in der Sulzbacher Schlachthofstraße nahe der Grube Hirschbach geboren, entstieg ich dem Nährboden, aus dem erzählenswerte Geschichten wachsen. Schlachthof, Schlackenhalde, Schlammweiher: Orte des Schreckens und der Abenteuer! Doch den geschlachteten Schimmel verwandelte ich in den Hengst Falada, Schlackenhalde und Schlammweiher nahmen die Gestalt des ausgeglühten Feuerbergs hinter dem Wasser des Vergessens an. Schon als Kind der Verzauberungs- und Verwandlungskraft der Sprache ausgeliefert, war ich als Schüler einer nationalsozialistischen Lehrerbildungsanstalt nahe daran, von hohler Feierlichkeit und phrasenhaftem Pathos brauner Blut-und-Boden- und Parteilyrik verdorben zu werden. Doch die Lektüre eines Münchner Lesebogens für achtzig Pfennige hat mich unumkehrbar in Schillers fröhliches Reich des Spiels entführt, von dem er sagt, in ihm seien die Fesseln aller Verhältnisse gefallen und der Mensch von allem, was Zwang heiße, selbst im Moralischen entbunden.

Nach Kriegsende entdeckte ich in einer “Anthologie der Abseitigen” die deutschen Expressionisten und die französischen Surrealisten, 1949/50 lernte ich als Assistant d‘allemand in Lyon die Bücher von Saint-Exupéry und Vercors, von Sartre und Camus kennen, doch erst die experimentell erarbeiteten Texte der “Stuttgarter Schule” unter Max Bense gaben mir neues Vertrauen in die Literatur. Ich übersetzte den Gedichtband von Willy Alante-Lima, eines schwarzen Lyrikers von den Antillen und wagte mich mit Eugen Helmlé an die Nachdichtung der “Stilübungen” von Raymond Queneau, wofür wir in das Collège de Pataphysique berufen wurden, eine philosophisch-poetische Schule, die sich aller festgelegten Grenzen widersetzt und die These vertritt: “Die Pataphysik übersteigt die Metaphysik in dem Maße, wie diese die Physik übersteigt, in alle Richtungen ad libitum”.

Es war meine Großmutter, die mir gesagt hat, ich sei ein Luftkutscher. Ich war damals noch ein Kind, aber ich bin ein Luftkutscher geblieben und habe, wie jedermann weiß, die Luftkutscherei zu meinem Beruf gemacht. In den fünfziger Jahren, nach Schreibversuchen im Stile Rilkes und Gottfried Benns, habe ich zu schreiben und zu veröffentlichen begonnen: Experimentelle Romane, Hörspiele, Essays. 1970, nach zwanzigjähriger Tätigkeit als Volksschullehrer, quittierte ich den Schuldienst, schrieb “Die saarländische Freude”, meinen Rousseauroman und die Novelle “Der kleine Brixius”. Auf die Eindrücke ausgedehnter Reisen und Auslandsaufenthalte schrieb ich Reisetagebücher, die “Trierer Spaziergänge” und Reportagen, begann schließlich zu Anfang der achtziger Jahre mit Recherchen und Vorarbeiten zu meiner autobiographischen Romantriologie: “Ordnung ist das ganze Leben” (1986), “Weh dem, der aus der Reihe tanzt” (1990) und “Wer mit dem Wölfen heult, wird Wolf” (1996). Zum Abschluss meiner erzählten Chronik des deutschen zwanzigsten Jahrhunderts erscheint 2002 mein Buch “Und wenn sie nicht gestorben sind” mit weitererzählten Geschichten dieser Zeit.

Früh schon mit den Sprachkünsten der Märchen vertraut, bin ich von Anfang an über die Grenze hinweggestiegen, die so leichtfertig zwischen Wirklichkeit und Vorstellung gezogen ist. Lustvoll bin ich aus den “Verkehrtheiten des Lebens” in die “Wahrheit der Erzählung” übergewechselt, wie Jacob und Wilhelm Grimm diese Grenzüberschreitung beschreiben – und habe dabei, auch Erkenntnisse exakter Naturwissenschaften nutzend, Sein und Schein ineinander getauscht. Grenzüberschreitung, ein anspruchsvolles, ein pompöses Wort! Mein Hin- und Herpendeln von der realen in die erfundene Welt ist weder von politischen noch von moralischen, sondern einzig und allein von poetischen Beweggründen bestimmt. “Wer hätte Lust, der Poesie Grenzen abzustecken?” heißt es bei den Brüdern Grimm.

Sulzbach, 24.5.2002

Mitglied in literarischen bzw. Berufsorganisationen:

VS Saar

Die wichtigsten Auszeichnungen:

  • Kunstpreis des Saarlandes (1966)
  • Stipendium für die Cité Internationale des Arts in Paris (1972)
  • Stipendium des Berliner Senats (1974)
  • Stipendium des Berliner Kunstpreises (1975)
  • Kunstpreis der Stadt Saarbrücken (1977)
  • Marburger Literaturpreis (1982)
  • Turmschreiber von Deidesheim (1983)
  • Ehrengast der Villa Massimo (1984
  • Raben-Preis für kreative Kritik (1985)
  • Carl-Zuckmayer-Medaille (1985)
  • Lesezeichen-Preis für Poesie und Politik (1986)
  • Stadtschreiber-Literaturpreis des ZDF und der Stadt Mainz (1987)
  • Hörspielpreis der Kriegsblinden (1987)
  • Heinrich-Böll-Preis (1987)
  • Friedrich-Hölderlin-Preis (1994)
  • Kunstpreis der Stadt Saarbrücken (1999


Werke

Bücher:

Im Saarl. Virtuellen Katalog verzeichnete Werke von Ludwig Harig

weitere:

  • „zufällig änderbar”. Mit Siebdrucken von Paul Schneider. Zweibrücken (Edition Monika Beck) 1969.
  • „miß mary”. Mit Siebdrucken von Lukas Kramer. Zweibrücken (Edition Monika Beck) 1970. Auch in: antiquarium. 1970. H. 9.
  • „Lichtbogen”. Mit Siebdrucken von Lukas Kramer. Zweibrücken (Edition Monika Beck) 1971.
  • „o mann o weib o welt”. In: Akzente. 1971. H. 3. S. 230-233.
  • „Die Aufhebung der Schwerkraft”. Zusammen mit Jan Voss. Stuttgart (Manus Presse) 1973. (= Konzepte 14).
  • „Drei mal drei Fünfsätze”. Mit Serigraphien von Günter Neusel. (3. bibliographile Veröffentlichung von Jürgen Brenner). Stuttgart 1974.
  • „Dudweiler Rede”. Dudweiler (Eigendruck der Bezirksverwaltung Dudweiler) 1977.
  • „Märchen und Mythen”. Hg. von Wolfgang Werner. Reinbek (Einhorn-Presse) 1987.
  • „Lauter Limitrofs, Nachbarn aus der Provinz für morgen”. Festrede anlässlich der Erweiterung der „Charte de coopération universitaire SAAR-LOR-LUX” um die Universitäten Arlon, Kaiserslautern und Trier am 26. Februar 1988 in Metz. Saarbrücken (Universität des Saarlandes) 1988.
  • „Gnädige Frau, Ihr Weihnachtsmenü 1990”. Zusammen mit Margarethe Bacher und Claudia Pomofski. Hg. von Monika Beck. Homburg-Schwarzenacker/Saar (Edition und Galerie Beck) 1990.
  • „Raus aus dem Dreck”. Zusammen mit Pit Kinzer. Hg. von Monika Beck. Homburg-Schwarzenacker/Saar (Edition und Galerie Beck) 1990.

 

Beiträge:

  • Chaussée. Zeitschrift für Literatur und Kultur in der Pfalz, Nr. 11/12 2003
  • Hesse, Bettina (Hg.): Geliebte Lust. Ein erotisches Lesebuch, Reinbek (Rowohlt) 2002
  • Hesse, Bettina (Gg.): Von Sinnen. Ein erotisches Lesebuch, Reinbek (Rowohlt) 2001
  • Kakadu. Magazin für Saarbrücken, Saarbrücken 5/2000
  • WortBild Commun. SchriftstellerInnen und KünstlerInnen in Dialog und Aktion, Saarbrücken 2000
  • Streckenlaeufer, Nr. 12/1995/96
  • WortBild. SchriftstellerInnen und Bildende KünstlerInnen des Saarlandes im Dialog. Ausstellung und Künstlerbuch, Saarbrücken 1994
  • Göttel, Sabine/Ludwig, Peter/Peter, Ralf (Hg.): Passagen. Neue Texte, Saarbrücken (PoCul) 1993
  • Behringer, Klaus/Fitz, Angela/Peter, Ralf (Hg.): Einhornjagd und Grillenfang. 15 Jahre Saarbrücker Schule, Saarbrücken (PoCul) 1992
  • Philippi, Bernd u.a. (Hg.): Saarland im Text, Lebach (Hempel) 1992
  • Glashaus. Gedichte saarländischer Autoren, St. Ingbert (Wassermann) 1991
  • Liebe in Zeiten der Sachlichkeit. Brecht führt Marieluise Fleißer in den Englischen Garten, in: Dreigroschenheft. Informationen zu Bert Brecht, Nr. 1/2002
  • Im Schatten des Genies? Bertolt Brecht in Leben und Werk Marieluise Fleißers, in: Dreigroschenheft. Informationen zu Bert Brecht, Nr. 4/2001
  • Marieluise Fleißer ­ Zeitzeugin für Bertolt Brecht?, in: Schriftenreihe der Marieluise-Fleißer-Gesellschaft e.V., Heft 2, Ingolstadt 1999
  • Die „verborgene Krone“. Zur autobiografischen Ich-Konstruktion bei Gabriele Reuter, in: Feministische Studien, Heft 1/1992
  • Anwältin aller Frauennöte: Gabriele Reuter, in: Thüringer Tageblatt, 16.11.1991
  • siehe Publikationen Homepage

 

Mitherausgeber:

Göttel, Sabine/Ludwig, Peter/Peter, Ralf (Hg.): Passagen. Neue Texte, Saarbrücken (PoCul) 1993

Stücke:

Bad Baby’s Bed. Live-Schicksale aus der Entbindungsstation, Göttingen 2002 (mit A. Klinge)

Rundfunk-Beiträge:

  • Die Lyrikerin Sabine Göttel. Von Theo Schneider, SWR, 2003
  • Von einem Leben und vielen Toden. Portrait der Dichterin Inge Müller, SR 1996
  • „Friedhof der ermordeten Töchter“. Ingeborg Bachmanns „Todesarten“-Projekt in Historisch-kritischer Edition, SR 1996
  • Unbekanntes? Allzubekanntes! Zehn verschollene Texte aus dem Frühwerk Marieluise Fleißers, SR 1996
    „Zwischen gangbein und springbein“. Neue Texte der deutsch-sorbischen Dichterin Roza Domascyna, SR 1995
  • „Unter einem gewaltig mildtätigen horizont“. Annäherung an die deutsch-sorbische Autorin Roza Domascyna, SR 1992
  • Zwischentöne. Gabriele Reuter ­ Weimarer Schriftstellerin, SR 1991
  • Fische Fluten. Portrait der Lyrikerin Sabine Göttel. Von Marlene Grund, SR 1987
  • Spaziergänge. Gedichte von Sabine Göttel. Lesung und Gespräch mit Arnfrid Astel, SR 1985.


Aus dem Literarischen Schaffen

Textprobe:

FARBDIALOG (Bautzen 1993)


Der Weg in die Bilder lockt mich hinter die graue Membran
Zum doppelten Blick muss ich dich kaum überreden
So bereisen wir die Ränder gemeinsam
Seit wir wissen dass Worte wieder federleicht sein können

Ungefragt übernehme ich die Führung durch die Farben
Auf die Kraft deines Augeninneren vertrauend
Jahre unter der Einsicht bodenlos fußlos im eigenen Land
Mit meiner Sprache der Nachgeborenen sprechend
Über die leise Sprache der Bilder
Über unsere Wanderungen durch schwere Flächen
Aus beiden Himmelsrichtungen gleichzeitig

Wir erreichen uns indem wir die Mitte verfehlen
Das Ziel nicht wissen wollen den Sprung in die Farben wagen
Uns an Grenzen erinnern: unbenannt lag das Land in Schwarzrot das Gold
Verbergend bis die Spitze Bewegung freigab: dort richten wir uns jetzt ein! Zaghaft
Gewöhnen wir uns ans Verwandte wir spannen zerbrechliche Brücken und
Gerüste: was glaubst du: wie lang halten sie den Märchenton?

Noch trage ich schwer an den Bildern ich verbanne sie
Hinter meine Stirn dort ist die Ferne vermessbar die Tiefe zu loten
Dort halten sich meine Glieder im Zaum: eins um das andere gebe ich
An die Ruhe verloren! Heimlich male ich deine Freigeisterei an die Wand
Warte geduldig auf die Öffnung der Koordinaten nach Norden und Süden
Ich weiß dass unsere Stimmen durchlässig geworden sind

Und du hast dein Lächeln erprobt! Es wächst an den Rändern auf und ab es
Sprengt uns die Haut die Farben brechen durch kampfeslustig und
Zu keinem Sieg bereit gebe ich die Führung an dein Lachen ab! Zuversichtlich
Spannst du Worte und Bilder zum Dialog aus ich bejubele
Unseren Aufbruch die Erfindung der grauen Membran unseres perpetuum mobile die
Bewegung der Augen!