Georg Fox

Georg Fox

geboren 1949 in Völklingen

Genre:

Kurzgeschichte, Glosse, Satire, Mundart

Zur Person:

Georg Fox wurde am 12. Juli 1949 in Völklingen geboren. Seine Texte werden im gesamten deutschsprachigen Raum, auch in Österreich und der Schweiz abgedruckt. Sie erzählen von Begegnungen mit Menschen, die vor einer schicksalhaften Entscheidung stehen. Dabei sind die Kurzgeschichten von Georg Fox bisweilen auch geprägt durch tiefe religiöse Bezüge. In dem Buch „Hausgeheischnis“ (2000) beschreibt Georg Fox das Leben im Saarland der 50er Jahre. Gerade erschienen ist das Buch „Gaa kää Probleem“ (Oktober 2003) mit Glossen, Satiren und Mundarttexten in der PVS-Edition Heusweiler. 2006 veröffentlichte er das Audiobuch: Ganz äänfach: Gudd druff“. (CMO)
Fox hat sich zudem der Mundart im Saarland verschrieben. Mehr als sechs Jahre konnte man ihn wöchentlich auf SR3-Saarlandwelle hören, wenn er „Òòmends schbääd“ seine saarländischen Nachtgedanken sprach. Hier vermittelte er mit der Sprache der kleinen Leute eine Stimmung, die ihm wichtig ist. „Am Ende eines Tages gehe ich auf eine Gedankenreise zu den Ideen, die mich am Tage nur flüchtig berührt haben. Ich zimmere mir ein Boot und segele davon!“ sagte er einmal selbst zu diesen vergnüglichen Erzählungen zum Ausklang eines Tages.
Georg Fox war mehrere Jahre Sprecher der literarischen Autorenvereinigung „Bosener Gruppe“ und publizierte mit Günter Schmitt die Dokumentation zum saarl. Mundart-Symposium.

Mitglied in literarischen bzw. Berufsorganisationen:

Bosener Gruppe

Die wichtigsten Auszeichnungen:

  • Kunstpreis des Stadtverbandes Saarbrücken, verliehen 2006
  • Mundartpreis der Gemeinde Dannstadt/Pfalz 2006
  • Autorenpreis des Landkreises Neunkirchen
  • Mehrfache Prämierungen beim Bockenheimer Mundartdichterwettstreit

weitere Kunstpreise (siehe Wikipedia)


Werke

Bücher:

Im Saarl. Virtuellen Katalog verzeichnete Werke von Georg Fox

weitere:

  •  “Heimat”, eine Mundartanthologie (Hrsg. zus. mit Günter Schmitt), Saarbrücken, Logos-Verlag, 1995, (vegriffen)
  • Dibbe und Labbes, Herausgeber zusammen mit Günter Schmitt, Heusweiler. PVS-Edition 1997, (vergriffen)

 

Tonträger:

Audio-CD zum Buch „Gudd druff“ (CMO/Zyx Hoer 7113, 2 CDs. 13:978-3-939129-24-0


Aus dem Literarischen Schaffen

Textprobe:

Innlaadung

Mir feire
näägschd Wuch
mei Geburdsdaach.
Wann de willschd,
kannsche kumme.
De muschd awwer nidd.
Ingelaad gebbd nidd!

Wäär kummd, däär kummd,
wäär nidd kummd,
breischd nidd dse kumme.
Däär breischd awwer
aach nidd dse gehn,
wanner nidd kurnmd.
Unn ääns noch,
merg ders:
Ingelaad gebbd nidd.

Wäär dòò iss,
iss dòò!
Kummschde?


Über die Kunst, in Konferenzen etwas beizutragen oder „Der Triumpf des Hinterns über den Geist!“

Eine Konferenz ist eine Zusammenkunft, in die viele hineingehen und aus der wenig herauskommt, sagt ein saarländisches Sprichwort. Manchen Lehrer kann deshalb in der Tat nichts mehr erschrecken, als wenn man ihm am frühen Morgen auf nüchternen Magen die Einladung zu einer Konferenz in sein Postfach legt. Das Stück Papier wirkt zwar harmlos, doch ist es gefüllt mit Tretminen und Rohrkrepierern, mit Bomben und Sprengkörpern. Am meisten geschätzt sind deshalb die Fachkonferenzen, über deren Termin man informiert, zu der man als Gast willkommen, bei der man jedoch nicht unbedingt anwesend sein muss, weil man das Fach - wie schade - nicht unterrichtet.

Bei den wichtigen Konferenzen, z.B. einer Gesamtkonferenz (Allein schon das Wort wirkt allumfassend!), soll man etwas zusammentragen. So hat es einmal der Wortschöpfer vorgesehen. Doch nicht alle befolgen, wozu die Konferenz eigentlich einberufen wurde. Man kennt sie ja, diese peinlichen Situationen, wenn der Vorsitzende dazu auffordert, etwas zum Thema anzumerken und keiner einen Beitrag leisten möchte. Sofort senken sich alle Blicke, man lässt den Vorsitzenden mit sich und seinem Augenkontakt allein und geht in die innere Emigration. Es gibt sogar aus einer Grundsatzentscheidung oder aus einer pragmatischen Haltung heraus ständige Konferenz-Schweiger. Sie sitzen da und sagen kein Wort. „O si tacuisses!“ heißt ihre Devise, weshalb manche sich des Schweigens als einer Lebensaufgabe befleißigt. Allenfalls hinterher, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, erfährt man, dass sie es eigentlich genau anders gemacht hätten. Hinterher sagen sie, sie hätten gerne etwas gesagt, aber es wäre ja gut gewesen, dass sie nichts gesagt hätten, weil sie nicht wollten, dass gesagt worden wäre, was eigentlich hätte gesagt werden müssen. Schließlich wird Protokoll geführt über das, was gesagt wurde. Das Schweigen wird nicht protokolliert. Da ist man immer auf der sicheren Seite!

Konferenzen haben ihre eigenen Rituale. Zunächst werden die Teilnehmer festgestellt. Sind alle da, oder fehlt Herr Kollege XY schon wieder? Morgen wird er sich darüber beschweren, dass man ihn nicht eigens nochmals auf die Konferenz hingewiesen und daran erinnert hat. Schuld haben die anderen Konferenzteilnehmer. Wenn die Konferenz wichtig ist, so sollte man gefälligst für die Vollzähligkeit sorgen! In jedem Fall legt der Abstinente schon einmal gegen die Beschlüsse, die gefasst wurden, Widerspruch ein, vorsorglich - auch wenn er sie noch nicct kennt.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass in Konferenzen mehr aus- als zusammengetragen wird. Es gibt bekanntlich Leute, die nie zum Zuge kommen und endlich in einer Konferenz das Forum finden, welches ihnen zuhören muss. Schließlich will man keinem den Mund verbieten, und solange jemand - wenn auch nur peripher - etwas zum Thema beizutragen hat - möchte man ihm die Wertschätzung nicht versagen. So flackern dann während einer Konferenz die ideologischen Grabenkämpfe von Frau G. und Herr L. erneut auf, welche doch eigentlich schon während der Frühstückspause längst beigelegt worden waren. In der Konferenz haben jetzt alle die Möglichkeit, die Vorzüge von Summerhill mit den repressiven Methoden einer spätkapitalistischen Erziehung zu vergleichen, auch wenn Summerhill schon längst megaout und Karl Marx ebenfalls tot ist. Aber heute wird Protokoll geführt, und man wird auch noch in späterer Zeit feststellen, dass in einer Konferenz irgendwann einmal ‚ans Eingemachte’ gegangen wurde.

Die Konferenz vereinigt an einem Tisch die verschiedenen Persönlichkeitsmuster, welche unsere Gesellschaft prägen und demnach wichtig sind für den Fortbestand der Meinungsvielfalt. In jeder Konferenz gibt es nämlich unterschiedliche Konferenztypen, die sich exakte gegeneinander abgrenzen lassen. Da sitzt sie, die zweiundfünfzigjährig junggebliebene 68er Protestnudel, die es immer noch nicht lassen kann, alles zu hinterfragen und jedem Problem auf den Grund zu gehen. Sie fängt in der Jetztzeit an und landet nach einer gewissen Zeit bei Adam und Eva, was der Konferenz aber in ihren Alltagsproblemen auch nichts bringt. Zumindest wird allen das Gefühl vermittelt, die anstehenden Probleme nicht oberflächlich zu lösen, sondern sie am Fundament der Menschheitsgeschichte zu verankern. Eine grüne Fraktion wird angeführt von Frau K., die sich um den Blumenschmuck des Lehrerzimmers kümmert und mit scharfem Auge die Hecken um das Gebäude bewacht. Sie raucht nicht, sie trinkt nicht und ist ein gutes Beispiel, wie man sich in Naturwolle und Sackleinen als Kleidungstücken bei Gurke, Tomate und selbstgebackenem Brot ein sauberes grünes Gewissen erhalten kann. Ihr Credo beginnt bei der Ölverschmutzung der Nordsee und endet noch lange nicht bei den Auspuffgasen irgendwelcher Autos im Umfeld der Schule, weshalb sie zu jeder Jahreszeit tapfer mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs ist.

Es gibt auch stumme Konferenzteilnehmer, die am Tisch sitzen, selbst wenn sie physisch nicht anwesend sind. Solcher Geist schwebt über dem Konferenzgeschehen, er wacht mit Argusaugen über Diskussionsbeiträge und Konferenzentscheidungen und wird als Messlatte für alles und jedes immer präsent sein. Die Gegenwärtigkeit solch’ virtueller Wächter am Konferenzgeschehen erkennt man, wenn Frau U. ihren Ehemann zitiert, der in seiner Funktion als Professor immer mal wieder die Hoheit über die Konferenz gewinnt, weil er von der Ehefrau dazu benutzt wird, die letzten tumben Urpflanzen einer Hauruckpädagogik mit dem Sach- und Fachwissen der Gegenwartsforschung zu konfrontieren. „Mein Wolfgang hat aber gesagt, dass...“ heißt der Einleitungssatz. „Und wenn er jetzt hier wäre, könnte er das noch viel besser erklären wie ich!“ heißt der Schlusssatz. Solche Sätze ermuntern ungemein, weil hier jemand im trauten Tête à tête und im häuslichen Kreis die Probleme der Geisteswissenschaft bewegt, die schließlich jeden angehen. Man kann einerseits der Ehefrau und andererseits wohl kaum dem Professor widersprechen. Beide bringen ein beträchtliches Gewicht auf die Waage. Welcher kleine Küchenpädagoge könnte sich hier den neuesten Rezepten der Forschung widersetzen?

Natürlich soll nun eine Konferenz nicht mit dem Gefühl. „Wie gut, dass wir über alles mal gesprochen haben!“ beendet werden. Höhepunkt einer jeden Konferenz ist deshalb die Abstimmung. Sie ist der Lustpunkt am Ende der Diskussion, dort wird der Inhalt der Auseinandersetzung gebündelt und zur Entscheidung gebracht. Wer kennt sie nicht, diese prickelnde Spannung einer „Wer-sind-die-Mehreren?“-Entscheidung. Zögerlich bilden sich noch während des Abstimmungsverfahrens letzte Koalitionen, weil mancher in jedem Fall zur Siegergruppe gehören möchte, unabhängig, welche eigene Meinung man sich gebildet hat, wenn überhaupt! Die Feststellung des Ergebnisses und die daraus entstehenden Konsequenzen werden meist immer erst nach der Abstimmung deutlich, weshalb ich es schon öfter erlebt habe, dass hinterher im Lichte der entstandenen Mehrheiten eine zweite Abstimmung gefordert und durchgeführt wurde, welche dann ein gerade gegenläufiges Ergebnis hatte. O Wunder der saarländischen Eintracht, man ist dafür und gleich wieder dagegen, alles löst sich im Pro und Contra auf, These und Antithese finden ihre Synthese mit allem Wenn und Aber.

Ist die Konferenz geschlossen, so geht es meistens erst richtig los. Jetzt wird diskutiert und debattiert, was während der Konferenz eigentlich hätte gesagt werden müssen. Spannend wird es also erst nach der Konferenz, wo die Sieger mit einer „Ich-habe-es-ja-schon-immer-gewusst“-Haltung das Kampfgetümmel durchschreiten und mit stolz geschwellter Brust in den Schlachtfeldreihen verächtliche Blicke auf die Unterlegenen verteilen, während diese sich zu einer kleinen Gruppe mit ihrem „So-kann-das-doch-nicht-immer-weitergehen“-Protest formieren. Bisweilen geht man nach der Konferenz „einen“ trinken, und das ist wohl noch die harmloseste aller saarländischen Untertreibungen.

Am nächsten Morgen schon hat sich der Schlachtenrauch verzogen und die Welt sieht wieder aus wie früher. Irgendwie ist alles über Nacht geläutert worden. Keiner beruft sich auf die gefassten Konferenzbeschlüsse, ‘business as usual’. Man arbeitet so, als hätte es nie eine Konferenz gegeben. Die Sieger wollen die Unterlegenen nicht spüren lassen, dass sie zur Minderheit gehören. Die Unterlegenen gönnen den Siegern ihre diffusen Gefühle, weil sie denken, dass gefasste Beschlüsse vielleicht gar nicht so schnell Realität werden müssen. Man möchte sich ja vertragen, diskutiert vielleicht sogar noch, ob der Beschluss so gemeint war, wie er gefasst worden ist.

Möglicherweise erinnert man sich auch an die erste Abstimmung und will erst grundsätzlich klären lassen, welche Abstimmung denn nun wirklich gültig gewesen ist.
Erst nach etwa zwei Jahren oder vielleicht auch nach drei bringt jemand das Thema auf den Konferenzbeschluss von damals. „Sie wissen doch noch, Herr Kollege....“ Aber die Erinnerungslücken sind so groß, dass man einen Beschluss - wenn überhaupt - neu fassen will. In der nächsten Konferenz! Mit ausführlicher Diskussion zuvor!