Marcella Berger

Marcella Berger

geboren 1954 in Rheinland-Pfalz

Genre:

Sachbuch, Lyrik, Erzählungen

Zur Person:

1954 in Rheinland-Pfalz geboren und aufgewachsen. Abitur am Staatl.Gymnasium Kusel, Studium Germanistik, Sozialkunde und Philosophie an der Universität des Saarlandes.
Co-Autorin für Filmprojekte (ZDF-Reihe "Roman-Welten" u.a.).
Zahlreiche Hörfunk-Features (SR, HR, SDR, SWF).
Lebt als freie Autorin in Saarbrücken.
Zahlreiche literarische Veröffentlichungen (Essays, Erzählungen, lyrische Prosa, Lyrik) in Anthologien, Literatur- und Kulturzeitschriften und Rundfunksendungen (Erstveröffentlichungen in Literatur-Sendungen (SR, SWR))

Die wichtigsten Auszeichnungen:

Literaturwettbewerb des Schriftstellerverbandes Luxemburg (LSV) anläßlich der Europäischen Kulturhauptstadt Luxemburg 1995
Förderstipendium für Literatur der Landeshauptstadt Saarbrücken 1998


Werke

Bücher:

Im Saarl. Virtuellen Katalog verzeichnete Werke von Marcella Berger

 

Beiträge:

Zahlreiche literarische Veröffentlichungen (Essays, Erzählungen, lyrische Prosa, Lyrik) in Anthologien, Literatur- und Kulturzeitschriften und Literatursendungen (SR, SWR - Literatur im Land)

 

Herausgeber:

Klaus Behringer, Marcella Berger, Fred Oberhauser (Hg.) Kähne, Kohle, Kußverwandtschaft. Ein Saarbrücker Lesebuch. Saarbrücker Druckerei und Verlag, Saarbrücken 1998
Marcella Berger, Axel Burmeister, Gerhard Franz. Saarbrücken. Die Saarmetropole und ihre Umgebung, 2. Aufl., Saarbrücken 2001)

 

Rundfunkbeiträge:

Sendereihen für Redaktionen "Bildung" und "Erziehung", Features, literarische Erstveröffentlichungen (Lyrik, Erzählungen)


Aus dem Literarischen Schaffen

Textprobe:

Hans mein Igel

Meine Mutter ist tot! Eine kehlige Stimme, sekundenlang ist es, als sei die Zeit von ihrer natürliche Richtung abgewichen und habe eine Schleife gemacht, zurück hinter die scharfe Linie der Gegenwart, sie hält regungslos den Hörer mit der Stimme aus der Vergangenheit ans Ohr. Dann erkennt sie ihn. Hans mein Igel, der weg war und jetzt wieder da ist, nach Jahren.
Noch am gleichen Abend sitzt er wieder in ihrer Küche und schlägt die Beine übereinander. Hält mit der einen Hand die andere fest - vor Aufregung, vor Angst. Auch ihre Hände eiskalt, sie drückt sie gegen die Wangen. Ohne Schminke bin ich kaum mehr anzusehen, lacht sie und steht auf, um Kaffee zu kochen. Er schaut ihr zu, ohne sich zu bewegen. Als könne die kleinste Erschütterung den Vorgang gefährden, des Igels Menschwerdung.
Für sie sei es immer gewesen wie in der Geschichte von Hemingway mit den Geschwistern am Bahndamm, die die Züge zählten, sagt sie und gibt Kaffeepulver in den Espressokocher. Das war das Glück, weißt du! Sie entzündet die Gasflamme und stellt die Aluminiumkanne darauf, die flirrende Fremdheit und zeitverlorene Vertrautheit seines Blicks im Rücken.
Weißt du auch noch, wie die Geschichte ausgeht? fragt Hans mein Igel, aber das hat sie vergessen.
Es kam kein Zug mehr, und so war es vorbei! lächelt er.
Er ist dicker geworden, aber der Bart steht ihm gut. Sein heller Leinenanzug hätte aus Hemingways Garderobe stammen können, dem Berichterstatter, der das Wirkliche durchsichtig macht, hatte Hans gesagt, damals, in der Spur des Verschweigens, da trug er noch keinen Bart. Sie hatte sein Gesicht studiert, während er ihr vorlas, im Profil. Wie bei einem Magenkranken zog sich eine tiefe Falte vom Nasenflügel zum Mund. Aber er war nicht magenkrank. Eingemeißelt sein Lächeln, auch wenn sich seine Lippen bewegten.
Alles hat seine Zeit! Ein Ritual, Hans mein Igel wartet auf ihre Antwort, die Losung.
Salomo, Prediger! - das Erkennungswort.
Hans mein Igel tut einen tiefen Seufzer, läßt seine Hand los und greift nach der dampfenden Kaffeetasse.
Später singt er gute Ruh, gute Ruh, tu die Augen zu, über der Rauheit ein Kreidefirnis, pulvrig, will dich betten kühl, sein Bild, sein von Lust zerquältes Gesicht, sinkt auf den Grund. Dass das nicht aufhört!
Sie schaltet das Radio ein, läßt Wasser in die Wanne und steigt ins heiße Bad, schließt die Augen, und der Himmel da oben, wie ist er so weit, einen Wunsch frei haben, ach, dass du doch stürbest. Treue.
Man muss es ihm beibringen, man muss die natürlichen Anlagen fördern! hört sie jemanden sagen. Das ist nichts anderes als Solidarität!
Dafür bekommt er auch sein Futter! schluchzt eine Frau, es ist Rosa, des Igels Mutter.
Der Pfarrer sagt: der kann wegen seiner Stacheln in kein ordentliches Bett kommen!
Weißer wattiger Neben wallt aus seinem Weihrauchkessel.
Hans mein Igel spuckt seine Stacheln wie Zähne aus, die fallen auf die Küchendielen. Und wie sie fallen, wachsen Eisenmänner heraus, die schlagen sich tot. Hui! ist das ein Gemetzel und Hauen, dass es zwei Stunden weit zu hören ist! Das geht so fort bis der Igel all seiner Stacheln ledig ist und seiner ganzen Stachelhaut und roh ist und bloß. Da kniet er nieder und feudelt den Boden und wischt und reibt, dass sich die Balken biegen und die Erde auftut und ein Wasser heraus springt, das ist ganz rein und schlägt gegen die Ecken. Und Hans mein Igel wischt, dass es zum Gotterbarmen ist, die Blumen wischt er von der Mutter Kleid, Narzissen und die Tulipan, Rosa liegt auf dem Tisch und ist gerade gestorben, alle Blumen sind schon weggewischt und er hört mit dem Wischen nicht auf, fort und fort wischt er, weg und blank die lieben Farben und das bunte Leben, bis dass nichts mehr da ist und so leer wie der Himmel: Da setzt sich der Pfarrer auf einen Stuhl, weint bitterlich und ruft: dabei war das einmal ein sehr teures Stück!
Sie schrickt auf. Das Wasser ist nur noch lauwarm, sie fröstelt. Schnell steigt sie aus der Wanne und wickelt sich zähneklappernd in ein Badetuch.